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Autor: TipFox Verfasst am: 06.04.2011, 18:29 Betreff: Lorenz Wendelstein UI ( Wendelstein U1 )
Liebe Radiofreunde,

nach längerer Zeit habe ich mal wieder ein Radio aus dem Stapel gezogen und repariert. Die Wahl fiel auf ein Lorenz Wendelstein UI ( Wendelstein U1).
Da wir hier keine Rubrik für Reparaturberichte von Radios mehr haben, stelle ich es hier kurz vor, mit einigen Hinweisen zur Reparatur.

Es handelt sich um ein Gerät aus dem Jahr 1951 mit 3 Wellenbereichen: UKW, MW und LW.
Anschlussmöglichkeiten gibt es für Tonabnehmer und für einen hochohmigen Zweitlautsprecher.

Zu beachten ist, dass es keine Netztrennung gibt. Der Trafo bedient nur die Heizung und arbeitet ansonnsten als Spartrafo.

Ebenso liegen an den Buchsen für den Zweitlautsprecher gefährlich hohe Spannungen - Vorsicht ist also angeraten!



Die Röhrenbestücktung ist "exotisch", eine Rimlock (ECH42) im einfachen UKW-Teil und der Rest alles amerikanische, 7-polige Typen:

6BE6 / 6BA6 / 6AV6 / 6AQ5

Die europäischen Entsprechungen habe ich auf dem SCHALTPLAN ergänzt.


Zunächst hier einmal die Ausgangslage:










Wie man sieht - viel Staub und Dreck, aber ansonnsten sieht das Gerät noch ganz manierlich aus. Verbastelungen sind nicht direkt zu erkennen.
Die Skala ist in Top-Zustand:



Nun wurde das Gerät erst einmal gründlich mit Staubsauger und dosierter Druckluft gereinigt und ein primitives Montagegestell aus Kupferrohr angebracht, da das Chassis andernfall keine brauchbare "Ruhelage" hat um daran arbeiten zu können.




Hier ein Blick auf das sehr schlichte UKW-Teil - immehin kein Pendler, sondern ein Super mit einer ZF von 10,7 MHz.




Ein Doppel-Elko im Netzteil (16+16µFF) konnte mit Hilfe eines Blitzwandlers vollständig reformiert werden und dadurch im Gerät verbleiben. Ein weiterer Elko (16µF) in der Anodenspannungsversorgung war allerding unrettbar defekt (150nF) und wurde intern erneuert.

Anschließend wurden nur die wichtigsten Teerkondensatoren gewechselt (s. Markierungen im folgenden Plan):



Danach lief das Gerät schon einmal, aber bei Rundfunkempfang sehr leise und auf UKW mit starken Krachstörungen. Die Ursache für die Krachstörungen war eine kalte Lötstelle am UKW-Teil (im Bild unten links). Nach neuem Verlöten waren diese Störungen behoben.

Die Ursache für den deutlich zu leisen Rundfunkempfang war ein niederohmig (< 2KOhm) gewordener Kondensator (3,5 nF) am G2 der 6BA6. Nach dessen Austausch empfängt das Gerät nun lautstark auf allen Wellenbereichen. Eine "Kondesatorwechselorgie" und ein Neuabgleich erübrigen sich damit.

Hier noch ein Bild während der Reparatur:



Wie man sieht, verzichte ich mittlerweile auf reine "Kosmetik", die Kondesatoren dürfen ruhigh neu aussehen ...

Anschließend wurde das Gehäuse mit etwas Silikonöl aufpoliert, das Chassis wieder montiert und ein Probelauf über mehrere Stunden durchgeführt - alles im Lot Wink







Die Empfangsqualität auf UKW ist eher mäßig - was nicht weiter wundert, wenn man bedenkt, dass der selbe Demodulator für AM und FM verwendet wird. Vielleicht hat der Hersteller ja deshalb auf der Rückseite beim TA-Anschluss auch geschrieben "Tonabnehmer oder UKW-Zusatz" Wink

Das war's auch schon ...
Zuletzt bearbeitet von TipFox am 23.10.2014, 00:08, insgesamt einmal bearbeitet


Autor: MGW51 Verfasst am: 15.09.2011, 11:49 Betreff:
TipFox schrieb:
Zitat:
Da wir hier keine Rubrik für Reparaturberichte von Radios mehr haben, stelle ich es hier kurz vor, mit einigen Hinweisen zur Reparatur.

Genau das ist so gewollt Mr. Green

Lieber Jürgen, liebe Leser,

wie könnte man ein Gerät besser vorstellen, als mit einer gut dokumentierten Reparatur?

Es ist Sinn der Sache, daß von jeder Arbeit auch etwas erhalten bleibt; etwas woraus breitere Kreise auch in späterer Zeit einen Nutzen ziehen können. Mit einem gut erklärten und ebenso gut illustrierten Beitrag ist deutlich mehr lesenswertes entstanden als mit der flachschürfenden Fragenbeantwortung zum simplen Teilewechsel.

Klar, auch simpelste Fragen werden bei uns möglichst umfassend beantwortet - allerdings nur in den geschlossenen Bereichen = nur für Mitglieder. Damit bleiben solche User schonmal außen vor, denen man in anderen Foren zu Hauf begegnet und die außer z.T. auch wirklich sehr fundierten Hinweisen nichts wirklich substantielles beitragen.
Als substantiell ist nicht die Reparatur eines Gerätes anzusehen - das ist +/- jederzeit einfach erlernbar - substantiell sind solche Dinge, die in der Vergangenheit liegen und die es vor dem Vergessen zu bewahren gilt. In dieser Beziehung hast Du mit dem Wendelstein mal wieder den Vogel abgeschossen denn dieses Radio fällt schon in mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen des Durchschnittsgerätes.

Die Schaltung selbst ist für meine Augen überaus gewöhnungsbedürftig da ich Oktoden in Nachkriegsgeräten - ausgenommen bei Batterieröhrenradios - weder kenne noch vermutet hätte. Ich denke, mit dem separaten Empfangsbaustein und der ECH42 sollte eine etwas leistungsfähigere Lösung für die Integration der "Welle der Freude" herhalten. Zugleich umgeht man damit wohl die Zahlung von Lizenzgebühren die damals auf den Verhältnisgleichrichter entfallen wären.

Es ist ein kluger Schachzug gewesen, nicht zu hohe Fertigungskosten anzusetzen da zu Beginn der 50-er der UKW-Ausbau vermutlich auch in Westdeutschland abseits von Ballungsgebieten noch zu wünschen ließ. Der Anschluß eines UKW-Vorsatzgerätes an den TA-Buchsen ist typisch für diese Ära, allerdings sollte man davon allein keine Klangwunder erwarten - dafür braucht es schon eines besseren, separaten Gehäuselautsprechers. Beide Ausgaben auf die Anschaffungskosten des Einfachgerätes addiert lassen schnell erkennen, daß das im Grunde ein Fehlkauf war - so jedenfalls kann ich das für meinen Teil Deutschlands in nahezu allen mir bekannten Konstellationen mit Sicherheit sagen.

Warum diese Amiröhren? Das ist eine der Fragen, die ich mir nicht beantworten kann, die es aber wert ist geklärt zu werden. Schließlich gab es in Deutschland um 1950 doch wirklich ausreichend Röhrenwerke Exclamation



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